Lenas Bericht

Warum Kinder- und Jugendhilfe?

Alles begann mit der Trennung meiner Eltern.

Irgendwann wurden mein Bruder und ich vom Jugendamt aus unserer Familie genommen und kamen zu einer Pflegefamilie.

Ich war damals noch sehr klein und trotzdem musste ich plötzlich Dinge übernehmen, die eigentlich kein Kind übernehmen sollte. Mein Bruder war noch ein Baby. Ich konnte ihn kaum sehen und trotzdem hatte ich ständig Angst um ihn. Ich hatte das Gefühl, für ihn verantwortlich zu sein.

Aber eigentlich hätte jemand für mich verantwortlich sein müssen.

In der Pflegefamilie erinnere ich mich an unglaublich viele Kleinigkeiten. Ich erinnere mich an mein Zimmer. An meine Kuscheltiere. Daran, wie sie gerochen haben. An meine Schuhe. An jeden einzelnen Tag und sogar an Dinge, die für andere wahrscheinlich völlig unwichtig wären.

Für mich sind sie geblieben.

Manchmal kommen diese Erinnerungen heute plötzlich wieder. Und für einen kurzen Moment bin ich wieder dieses kleine Mädchen, das nicht versteht, warum es dort ist.

Ich war oft allein. Ich hatte Angst, mein Zimmer zu verlassen, weil ich sonst angeschrien werde. Es gab Situationen, in denen ich sogar geschlagen wurde. Ich wurde teilweise wie ein viel jüngeres Kind behandelt.

Und gleichzeitig wurde mir immer wieder gesagt:

„Deine Mama kommt bald.“

„Deine Mama müsste eigentlich demnächst kommen.“

„Sie läuft durch die Tür und holt euch ab.“

Also wartete ich.

Und wartete.

Und wartete.

Ich wartete einen Tag. Dann eine Woche. Einen Monat.

Aber meine Mama kam nicht.

Und irgendwann begann ich, mir selbst die Schuld zu geben.

Vielleicht hatte sie mich vergessen.

Vielleicht wollte sie mich gar nicht mehr.

Vielleicht war ich nicht gut genug.

Nicht perfekt genug.

Vielleicht war ich einfach kein gutes Kind für sie.

Ich war vier Jahre alt.

Vier.

Und ich machte mir Gedanken über Dinge, über die sich kein Kind Gedanken machen sollte.

In dieser Zeit hatte ich manchmal nur meine Kuscheltiere. Sie waren da. Sie sind nicht gegangen. Sie haben mich nicht angeschrien. Sie haben mir zugehört.

Deshalb kann ich bis heute kein Kuscheltier wegwerfen.

Später kam ich wieder zu meiner Mutter. Aber sie fühlte sich für mich wie eine fremde Person an. Ich hatte das Gefühl, dass sie mich verlassen hatte. Mein Vertrauen war weg.

Und heute?

Heute sind meine Mutter und ich unglaublich eng.

Wir sind wie Rory und Lorelai aus Gilmore Girls. Wir können uns alles erzählen. Wir hören einander zu und respektieren uns.

Wenn ich heute darüber nachdenke, frage ich mich vor allem eines:

Wie kann es sein, dass niemand merkt, was in mir passiert?

Und genau deshalb ist das Jugendamt für mich mehr als nur eine Behörde.

Es sollte dort nicht einfach um Akten, Termine und Entscheidungen gehen.

Es sollte um die Kinder gehen.

Um Kinder, die vielleicht nicht wissen, wie sie sagen sollen, dass sie Angst haben.

Um Kinder, die vielleicht nachts wach liegen und sich fragen, ob ihre Mutter sie noch liebt.

Um Kinder, die vielleicht glauben, sie selbst seien schuld.

Deshalb wünsche ich mir, dass bei jeder Entscheidung nicht nur gefragt wird:

„Was steht in der Akte?“

Sondern:

„Was erlebt dieses Kind, was möchte es?“

Nicht nur seine Akte.
Nicht nur seine Situation.
Sondern das Kind selbst.

Ich möchte später im sozialen Bereich arbeiten, vielleicht sogar bei der Jugendhilfe. Nicht, weil ich glaube, dass beim Jugendamt alles schlecht läuft. Sondern weil ich selbst erlebt habe, wie wichtig es ist, dass ein Kind wirklich gesehen wird.

Ich möchte einmal für ein Kind da sein, das vielleicht genauso denkt wie ich damals:

„Warum kommt niemand?“

Und ich möchte, dass dieses Kind irgendwann sagen kann:

„Da war jemand, der geblieben ist.“

Klausurtagung 2025

Klausurtagung mit dem Fachteam der LebensSpuren GmbH –
damit die Arbeit justiert wird!

Professionelles Handeln bedeutet, sowohl auf anbahnende Entwicklungen zu reagieren als auch proaktiv zu handeln und sich strategisch in der Jugendhilfelandschaft zu positionieren. Um der Bearbeitung dieser Thematik einen angemessenen Rahmen zu verleihen, begab sich das Leitungsteam der LebensSpuren GmbH zum Jahresbeginn am 17. Januar 2025 gemeinsam in Klausur.

Primär wurden die Einzelkonzeptionen der verschiedenen Hilfen zur Erziehung, die die LebensSpuren GmbH – neben ihren familienanalogen Angeboten inzwischen noch vorhält – transparent ins Licht gestellt. Der damit verbundene Gestaltungsspielraum für die anfragenden Jugendämter und andere Kostenträger, aber auch für den Träger selbst, wurde dadurch konkretisiert. Wiederkehrende Verfahrensabläufe galt es dabei alltagstauglich mit den ausführenden Akteuren zu optimieren. Die gesetzlichen Vorgaben, wie z.B. das Vorlegen der aktuellen erweiterten polizeilichen Führungszeugnisse oder die Abläufe zur Überprüfung der Angebote durch das örtliche und/oder belegende Jugendamt, sind dabei für die Angebote der LebensSpuren GmbH ganz im Sinne des Kinderschutzes und damit bindend.
Darüber hinaus wurde die Bedeutung personeller Ressourcen, bei der proaktiven Gestaltung der eigenen Arbeitstätigkeit, erläutert. Die Veränderungen in Bezug auf das Anfragenprofil der zu betreuenden jungen Menschen und Familien mit Hilfebedarf, machen komplexe und kreative Lösungen notwendig. Umso mehr freut sich das Team der LebensSpuren GmbH über die Vielfalt an individuellen Hilfen, die es auf Grundlage der unterschiedlichen Professionen und Berufserfahrungen anbieten kann; sowohl im pädagogisch/therapeutischen Fachteam als auch in den stationären familienanalogen und ambulanten Hilfen zur Erziehung.
In Bezug auf die Ausgestaltung der Rollen im leitenden Koordinator*innenteam, hat sich die LebensSpuren GmbH dazu entschieden, es nicht bei einem funktionsbezogenen Verantwortungsbereich zu belassen. Das Team setzt sich engagiert dafür ein, dass sich die fachlichen Synergien mit ihrer Wirkkraft nicht nur innerhalb der Beratung entfalten, sondern auch sinnvoll aktiv in den einzelnen Hilfen wie z.B. begleiteten Umgängen, Elternberatungen oder Einzelfallhilfen induziert werden.
Das hat neben dem kindeswohldienlichen Aspekt noch einen weiteren guten Grund und basiert auf dem Führungsmodell nach Hackman und Oldham (1980). Die Arbeitsressourcen können im Sinne von motivationalen Anreizen verstanden werden, wie sie im Job Characteristics Modell (JCM) zu finden sind.
Auf dem Hintergrund, dass Vielfalt im Aufgabenbereich der Fachkräfte nach Hackman und Oldham auch ein höheres Motivationsniveau darstellt, ist dies im Zeitalter des Fachkräftemangels und erhöhtem Burnout-Risiko im Berufsfeld der sozialen Arbeit, ein nicht zu unterschätzender Faktor für die Stellenbeschreibungen. Neben der Hauptsache, passgenaue Hilfen für Kinder und Jugendliche und deren Bezugspersonen anzubieten, hat es sich der Träger auch als Ziel gesetzt, Mitarbeiter*innen und Kooperationspartner*innen langfristig einen Arbeitsplatz zu bieten, der die psychische Belastungsgrenze und Gesundheit der Mitarbeitenden im Blick behält. Die motivierende Teamarbeit mit einer klaren und transparenten Kommunikationskultur ist auf persönliches Wachstum und Weiterentwicklung ausgelegt, was einem gelebten Leitbild der LebensSpuren GmbH entspricht.

Aus Sicht der LebensSpuren GmbH werden wertvolle Ressourcen und individuelle Fähigkeiten einzelner Mitarbeiter*innen gesichert, wenn entscheidende Handlungswege im gemeinsamen Austausch mit dem Fachteam und ebenso im Austausch mit den Akteuren in den Betreuungsangeboten optimiert werden. Die Möglichkeit zum „Blick aufs große Ganze“ und nicht nur auf einzelne Teilbereiche der Hilfe, macht die Rolle der Fachkräfte bedeutsam und ermöglicht eine ganzheitliche Hilfegestaltung. Wir durften als Fachteam der LebensSpuren GmbH die konstruktive Zusammenarbeit an diesem Tag genießen.
Der Klausurtag trug dazu bei, sich gemeinsam als Team – mit all den Energien und Ressourcen – effektiv auf die Zukunft hin auszurichten. Bei einem gemeinsamen Abendessen beendeten wir den Tag. Ein besonderes Dankeschön an unser „Geburtstagskind“, das es sich nicht nehmen ließ, an ihrem besonderen Tag dennoch dabei zu sein!